Tag 3
Es kommt nicht so oft vor, dass mir vollkommen die Worte fehlen, doch nach dem heutigen Tag bin ich leider in dieser Situation und deshalb bitte ich Euch von ganzem Herzen um Euer Verständnis und Geduld, dass mein Tagesbericht erst Morgen in der Früh kommen wird.
Von ganzem Herzen wünsche ich Euch noch einen wunderschönen Samstagabend im Kreise Eurer Liebsten und schicke herzliche Grüße aus Mytilini.
Bis Morgen + Kalinichta.
Da bin ich wieder, wie versprochen. Kalimera.
Gestern am Abend habe ich noch lange nachgedacht. Ja, ich habe auch geweint. Tränen der Traurigkeit, der Betroffenheit, aber auch Tränen des Zorns und der Wut. Meine Nacht war voller furchtbarer Albträume. Immer noch bin ich innerlich so unsagbar aufgewühlt, dass mir eigentlich die Worte fehlen. So viele Jahre mache ich das schon und bei jedem meiner Hilfstransporte bin ich erneut davon überzeugt, dass es ja gar nicht möglich ist, dass die Lage und Situation der Menschen, speziell der Kinder, noch schlimmer wird. Und jedes Mal musste ich mich aufs Neue irren. Mit jedem Mal wurde und wird es tatsächlich noch schlimmer. Aber es war in meinen schlimmsten Befürchtungen und Vorausahnungen überhaupt niemals abzuschätzen, um wie viel sich die Situation seit meinem letzten Besuch im Mai vergangenen Jahren verschlimmert hat....
Dabei hat der gestrige Tag so friedlich begonnen. Ich durfte Günther, einen Deutschen aus dem Chiemgau, kennenlernen und es war auf den ersten Augenblick spürbar, dass wir exakt die selbe "Wellenlänge" haben. Und noch dazu auch fast den gleichen Dialekt sprechen. Günther ist jedes Jahr einige Male für längere Zeit hier, kocht für die Menschen im Lager und verbringt viel Zeit bei und mit ihnen dort. Ein neuer Freund ist in mein Leben getreten und dafür bin ich sehr dankbar.
Mit Nikos bin ich wieder in den Olivenhain gefahren, um den Arbeitern Benzin für die Rüttelmaschine zu bringen. Zwei Stunden war ich im Paradies.
Nach dem Paradies sind wir direkt in die Hölle gefahren.
Schon der erste Eindruck war beängstigend. Habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder in Gesichter geblickt, die Hoffnung und Zuversicht erahnen ließen, so war es diesmal Gesichter der Resignation und Hoffnungslosigkeit. Eingepfercht in kleinen, schuhschachtelähnlichen Containerzelten, die außen zwar weiß, innnen jedoch ein schwarzes Loch sind, vegetieren bis zu zwei Familien mit bis zu vier Kindern in unmenschlichen Verhältnissen. Aus Angst bleiben die winzigen Luken meist verschlossen. Ein paar kleine Lüftungsschlitze lassen kaum Frischluft ins Innere dieser "Behausungen".
Nikos hat mir erzählt, dass viele Hilfsorganisationen und NGO´s diesen Ort des Grauens bereits verlassen haben. Kaum eine Zeitung, kaum ein Radiosender und kaum ein Fernsehsender berichtet mehr über diese "vergessenen" Menschen. Es gibt jetzt andere Schlagzeilen.
Ich muss zugeben, es hat mir die Kehle zugeschnürt. Wie kann man Menschen so etwas antun? Menschen, die vor Bomben, Gewehrkugeln, Terror, Folter... flüchten, voller Hoffnung und Zuversicht oft tausende Kilometer auf sich nehmen und unter unsäglichen Anstrengungen unterwegs sind und dabei das eigene Leben und das ihrer Familien und und Kinder riskieren, die Pushbacks, die es laut Nikos immer noch gibt, und Ertrinken in Kauf nehmen, landen in Lagern wie diesem.
Und immer wieder frage ich mich: Wie kann es möglich sein, dass man Menschen so etwas antut? Und wo bleibt die Würde dieser Menschen?
Über die Einzelschicksale, von denen mir berichtet wurde, kann und will ich hier nicht schreiben. Sie sind so unglaublich, so furchtbar, dass es für Kinder, die vielleicht auch diesen Bericht lesen, unverantwortlich wäre und ich es auch mit meinem Gewissen nicht vereinbaren kann.
Trotz allem wächst tief drinnen in meinem Herzen die Überzeugung und die Motivation, dass ich weitermachen werde, dass ich weitermachen muss und solange mir der liebe Gott die Kraft und Energie schenkt und die dazugehörigen notwendigen Wunder schickt, werde ich auch weitermachen. Das verspreche ich Euch.
Zum Abschluss will ich Euch ein doch noch recht versöhnliches Bild in Eure Herzen schicken.
Für den heutigen Tag habe ich mir ein paar Stunden Auszeit vorgenommen. Wenn ich es irgendwie schaffe, werde ich Euch am Abend darüber berichten.